Die Entwicklung der „Nomina sacra“ zu „Iesus Christus"

Erstellt: Sonntag, 30. Dezember 2018 Zuletzt aktualisiert: Dienstag, 15. Januar 2019

 

Den zusammengesetzten Namen „Jesus Christus“ finden wir im Alten Testament nicht. Im Neuen Testament wird der Messias jedoch so bezeichnet. Wir müssen uns nun folgende Fragen stellen: Gibt es Originalschriften der neutestamentlichen Schreiber? Wie alt ist das älteste gefundene Manuskript des Neuen Testaments? Enthalten die ältesten Papyri-Funde des Neuen Testaments überhaupt den heute bekannten Namen Jesus Christus? Welche Namen bzw. Titel finden sich anstelle des Namens in diesen Schriftfragmenten?

 

Teil 8 der Artikelserie "Wer ist Jesus Christus"

 

Inhaltsverzeichnis der gesamten Artikelserie

 

 

 

 

Die Entwicklung der „Nomina sacra“ zu „Iesus Christus“


Nomina sacra Jesus MariaNomina sacra IC XC für “Jesus Christus”.
Ausschnitt aus einem Wandgemälde
im Trajan Kloster in Bulgarien.
© Skylax30, CC BY-SA 4.0
Der Name Jesus (Ιησους) sowie der zusammengesetzte Name Iesus Christus (Ιησους Χρίστος) für den Messias scheint vor dem 4. Jahrhundert völlig unbekannt gewesen zu sein. Es gibt keine Skripte aus dieser Zeit, in denen dieser Doppelname vorkommt. Bis dahin kannte man lediglich den Namen Christus (Χρίστος), der von dem griechisch-römischen Namen Chrestus (Χρηστος) abgeleitet wurde (siehe Chrestus, der „Gute Gott“ und Vom „Guten Gott“ zum Gesalbten). In den gefunden Skripten des Alten sowie des Neuen Testaments sind jedoch häufig sogenannte Nomina sacra vorhanden. Das sind Abkürzungen bzw. Kontraktionskürzungen für verschiedene „heilige“ Namen und Titel.


„In ägyptischen Papyri des zweiten Jahrhunderts wird ein System der sogenannten ‚nomina sacra‘ entwickelt. Als ‚nomina sacra‘ bezeichnet man in der griechischen und lateinischen Paläografie eine streng begrenzte Zahl von Worten mit sakralem Charakter, die prinzipiell verkürzt zu schreiben sind. Das hat nicht den Sinn – wie lange geglaubt wurde -, um beim Schreiben Platz zu sparen, sondern ist aus der besonderen Ehrfurcht vor heiligen Namen zu erklären.“1


Im ältesten vorhandenen Manuskript, ein kleiner Papyrusschnipsel des Johannesevangeliums (P52), wird nicht deutlich, wie der Name des Messias geschrieben wurde. Wo der Name stehen müsste, ist der Schnipsel abgerissen. Das zweitälteste Manuskript (P64) ist ein Text aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts, in dem für den Messias entweder das Kürzel NS KS (Kyrios) oder NS IH steht. In den beiden Bodmer Papyri von ca. 200 u.Z., dem P66 (einem vollständig erhaltenen Johannesevangelium) und dem P75 (Johannes 6,7-22), wie auch in späteren Manuskripten, steht anstelle des Namens des Messias ein Staurogramm (Staurogramm) oder Abkürzungen (Nomina sacra). Diese Abkürzungen stehen jedoch lediglich in eckigen Klammern. In diesem Papyrus lauten die ersten Worte von Johannes 6,10 wie folgt:  „[ε] ἶπεν [ό NS is klein], Ποιήσατε τοὺς …“, in deutsch: „[NS IS] aber sprach: Lasst …“.2

Da das Papyrus P75 ebenfalls nur eine Abschrift einer Abschrift oder vielleicht sogar der Urschrift war, stellt sich die Frage, warum setzte der Abschreiber die Nomina sacra „is“ in eckigen Klammern? Welcher Name stand ursprünglich anstelle der eckigen Klammer und deren Inhalt?

Im nichtreligiösen Bereich wurden auch Abkürzungen verwendet, aber immer als „Suspensionskürzungen“. Das heißt, es wurde einfach abgekürzt, wobei oft nur der erste Buchstabe eines Wortes oder Namens bleibt. Bei der „Kontraktionskürzung“ hingegen werden bestimmte Buchstaben im Mittelteil des Wortes oder Namens weggelassen.

Iesus IC ISDie Suspensionskürzung für „Iesus“ wäre „I“ oder „Ie“. Die Kontraktionskürzung ergibt jedoch NS IS (lateinisch) oder NS IC (griechisch für den ersten und den letzten Buchstaben). Der Hauptunterschied der Nomina sacra zur antiken Kontraktion ist der Strich oben, der das gesamte Wortskelett waagrecht überzieht.3

Larry W. Hurtado, Historiker und ehemaliger Professor für die Sprache des Neuen Testaments an der Universität in Edinburgh, weist darauf hin, dass der horizontale Balken über den Abkürzungen keine reguläre Technik der Abkürzung im vorchristlichen Griechenland oder in der lateinischen Tradition ist. Dieser Balken wurde jedoch für griechische Buchstaben benutzt, wenn sie Zahlen repräsentieren sollten.4. So hat beispielsweise die „christliche“ Form IH, die später auf den Namen des Messias übertragen wurde, in ihrem früheren Gebrauch in der antiken Praxis der „Gematrie“ ebenfalls eine religiöse Bedeutung, nämlich den numerischen Wert für IH=18. Die Gematrie ist eine Methode der Interpretation, die von Rabbinern entwickelt wurde, um die angeblich geheime Bedeutung von Wörtern zu extrahieren.5 Wie im Griechischen hat jeder hebräische Buchstabe einen numerischen Wert. Wenn man so den numerischen Wert der einzelnen Buchstaben zusammenzählt, ergibt es eine Zahl für das Wort.6 Die Technik der Gematrie wird besonders in der jüdischen Praxis der Kabbala7 angewendet.

infoDie Gematrie wurde zunächst in der esoterischen Tradition des Judentums gelehrt und verwendet und wurde später in die Kabbala im 12. bis 14. Jahrhundert übernommen. Sie stand dem offiziellen Judentum nicht gegensätzlich gegenüber, sondern erwies sich für die jüdische Religion sogar „als wirksame Kraft zu Bewahrung und Vertiefung traditioneller Torah-Frömmigkeit“.8

Hurtado zeigt zudem auf, dass die Buchstaben IH ihren Ursprung in jüdisch-christlichen Zirkeln hat, wo die Praxis der Gematrie angewandt wurde. Mit dem numerischen Wert 18 wollte man möglicherweise auf den Wert des hebräischen Wortes für „Leben“ (hebräisch: חי) anspielen. Man könnte so die Auferstehung des Messias zum Leben Ausdruck verliehen haben: der „Herr des Lebens“. Hurtado nimmt an, dass der Name Jesus mit IH begonnen hat und erstmals auf diese Weise unter den jüdischen Christen oder unter den Christen geschrieben wurde, welche mit der jüdischen Tradition vertraut waren und die Gematria respektierten.9

Es könnte durchaus zutreffen, dass diese Art der Kürzungen für den Namen bzw. Titel Gottes und Seines Sohnes im hellenistischen Judentum Alexandriens sein Vorbild gefunden hat.10 Denn im Judentum war es verboten, den Namen auszusprechen oder auszuschreiben.11 So ging der Name in gewisser Weise verloren. Man schrieb in den Schriften des Alten Testaments anstelle des Namens JHWH den Titel Adonai (Herr) oder Elohim (Gott). In der ersten griechischen Übersetzung des Alten Testaments wurden diese Titel dann mit ΚΥΡΙΟC (Kyrios = Herr) und ΘΕΟC (Theos = Gott) übersetzt. Die jeweiligen Kontraktionskürzungen jedoch stammen nicht von den Juden, sondern von den alexandrinischen Judenchristen,12 die diese Kürzungen anstelle des ganzen Wortes in Abschriften der Septuaginta13 geschrieben haben. In christlichen, kalligrafischen Handschriften wurden diese Titel nie ausgeschrieben, sondern immer kontraktiert, wobei die mittleren Buchstaben wegfielen.14

Diese christliche Praxis scheint besonders im Gnostizismus und damit im Heidentum ihre Wurzeln zu haben. Ein Beispiel bietet das gnostische Philippusevangelium, worin erklärt wird, dass Christus nur eine Formel sei, bei deren Nennung die bösen Mächte erschauern. Wie Johannes Hafner erklärt, gibt es demnach geheime und öffentliche Namen. Die bekannten öffentlichen Namen sind nur Bezeichnungen. Die „eigentlichen“ Namen sind nicht übersetzbar. Der Name, den der Himmlische Vater Seinem Sohn gegeben hat, sei der einzige, den man nicht ausspricht, er dürfe nur „innerlich gewusst werden“. Der Gnostiker trägt den Namen des Vaters und IST damit der Sohn Christus.15 Hier drängt sich ein Vergleich mit dem ägyptischen Gott Osiris, dem KRST, beim Totengericht auf (siehe vorherige Kapitel). Die Nomina sacra könnten ursprünglich diesem Zweck der gnostischen Geheimhaltung des eigentlichen Namens gedient haben.

Jesus Hagia SophiaMosaik in der Hagia Sophia/Istanbul
aus dem 12. Jahrhundert. Auf Höhe des Kopfes die Nomina sacra IC XC.
© Public Domain
In den von Christen stammenden Abschriften der Septuaginta kommen nicht nur ständig die Abkürzung NS KC für Herr vor, sondern auch NS XC und NS XP für Christus und  NS IC und NS YC für Jesus. Zudem kommt in diesen christlichen oder christlich überarbeiteten Papyri der Septuaginta bereits das Monogramm vor, indem man XP übereinander setzte: Chi Roh. Für NS KC schrieb man nun NS XP und NS IHC wurde zu NS XPC.16 Die griechischen Nomina sacra wurden später ins Lateinische übernommen. Das griechische NS IHC NS XPC (Jesus Christus) wurde zum lateinischen NS IHS XPS.17 Aber wie schon erwähnt, stand darin nicht der vollständige Name „Jesus“. Die Frage stellt sich, wofür diese Buchstaben ursprünglich standen. Zudem werden in antiken Handschriften für ‚Chrēstos‘ und ‚Christos‘ dieselben Kürzel (XPC oder XC) verwendet. Papyrus P72, der älteste Zeuge des 1. Petrusbriefes, bietet sowohl für Christos (als Name des Messias) wie auch für chrestos (für das Eigenschaftswort „gut“) beide Male XPC.“18

Ludwig Traube, Professor für lateinische Philologie im letzten Jahrhundert, weist darauf hin, dass Jesus Christus anfangs so gut wie nicht ausgeschrieben wurde. Besonders der Name IHCOΥC (Iesous/Jesus) kommt so gut wie nie im Zusammenhang mit dem Messias vor.

„Kommt einmal ein ausgeschriebenes IHCOΥC (Iesous) vor, so kann man meist ganz leicht die Absicht oder das Versehen nachweisen. Gewöhnlich ist in solchen Fällen nicht Jesus Christus, sondern ein Homonym19 gemeint.“20

„Jesus Christus“ als Doppelname kam ebenfalls äußerst selten vor, es stand dafür immer die Kurzform oder das Symbol, „das einen Rückschluss auf die Orthografie nicht gestattet.“ Die Herausgeber christlicher Texte lösten aber die Abkürzung meist auf und transkribierten Iesus.21 Der zusammenhängende Name Iesus Christus bzw. Ihesus Christus kam erst später in Gebrauch. Man hätte aber ebenso gut Jesus Nave schreiben können. Denn so transkribierten die christlichen Schreiber den Namen Josua: „Jesus der Sohn des Nave“.22 Josua wird im Alten Testament aber als Jehuschua (nach deutscher Transkription) geschrieben. Der altestamentliche Priester Josua (Jehuschua) trägt denselben Name wie der des Messias. Deshalb müsste auch der Messias als Jahuschua geschrieben und gesprochen werden (siehe hierzu: Unser Erlöser: im Auftrag und im Namen Seines Vaters gekommen).

„Erst seit Hieronymus [347 bis 420 u.Z.] die Septuaginta ins Lateinische übertrug und nicht nur den Titel Christus, sondern den gesamten Namen Jesus Christus für die Person des Erlösers reservieren wollte, wurden Josua und Jesus in der Westkirche konsequent unterschieden. Der Name Jesus Nave für Josua wird heute noch in der orthodoxen Kirche und den aus dieser Tradition hervorgegangenen liturgischen Texten und Bibelübersetzungen verwendet.“23

Vor dieser Zeit kommt der Name Jesus Christus tatsächlich nirgends vor. Im Mittelalter (ca. 6.-9. Jahrhundert) schwankte man hinsichtlich der Abkürzung von Christus zwischen NS XPS und NS XPC, wobei in beiden Formen das griechische NS XP (lateinisch: ChR) enthalten ist. Schließlich zog man die Mischform NS XPS vor: Die ersten beiden Buchstaben von Christus wurden in Griechisch geschrieben und der letzte Buchstabe in lateinischer Form (der mittlere Teil „ristu“ wird dabei ausgelassen).24

Ab dem 6. Jahrhundert schrieb man anstelle Iesus bis ins Spätmittelalter Ihesus, aufgrund des Bestrebens „der Dreisilbigkeit des Wortes gerecht zu werden.“25 Die Kontraktionen in den lateinischen Handschriften haben schließlich so sehr über Hand genommen, dass diese Kurzformen nur noch „besonders Eingeweihte“ verstanden. Die althochdeutschen Kalligrafen deklinierten Ihs, Ihuses, Ihse, ihuse, Ihse, Ihusan, ihsan, xps, xpes, xpe, xpan.26 Diese Kontraktionskürzungen endeten etwa im 16. Jahrhundert mit der Bibelübersetzung der Reformatoren.

infoIn der Einleitung zu seiner ersten Übersetzung des Alten Testament 1523 erklärte Martin Luther, dass er das Tetragramm mit den Großbuchstaben „HERR“ wiedergibt und Adonai mit den Kleinbuchstaben „Herr“. Diese Unterscheidung machte er deshalb, weil er wusste, dass die Titel Adonai und Elohim nicht nur dem Allmächtigen zugeschrieben werden. Auch der Sohn, die Engel, heidnische Götter oder Menschen werden in der Bibel mit diesem Titel benannt. Im Neuen Testament (1541) tauschte er NS KC (Kyrios) mit HERR aus, wenn sich der Titel auf den Vater bezieht (was besonders bei Zitaten aus dem Alten Testament deutlich wird) und wenn sich NS KC auf den Sohn bezieht, schrieb er meist „HErr“.27

Wie Ludwig Traube es ausdrückt, lag in den hybriden Formen XPS, XPI, XP, XC, IHS usw. „etwas von dem geheimen Zauber, den die hellenistischen Juden empfanden, als sie in den griechischen Texten den Gottesnamen mit hebräischen Buchstaben schrieben.“28 Er mag nicht ganz unrecht haben, denn diese Nomina sacra kamen ebenfalls in gnostischen Büchern, wie dem Thomasevangelium und den magischen Papyri vor.29 Larry Hurtado geht davon aus, dass die Praxis der christlichen Nomina sacra (sowohl Suspension als auch Kontraktion) von vor-/nicht-christlichen Techniken der Abkürzung adaptiert wurde.30 Bei der christlichen Praxis der Abkürzung scheint es sich um eine „fehlerhafte Neuerung“ zu handeln, die sich „ziemlich schnell unter den christlichen Kopisten ausbreitete“.31

Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen den  Zaubertexten und der Kurzform NS KC. Auch die Nomina mystica werden in den ägyptischen Zauberpapyri gewöhnlich mit dem Balken über der Abkürzung versehen.32 In einer Ausstellung des Instituts für Papyrologie der Universität Heidelberg wurden 2011 solche Zaubertexte ausgestellt, bei denen die „heiligen“ Namen durch Nomina sacra mit einem horizontalen Überstrich gekennzeichnet sind.33

Chi RohChi Roh (XP)
Monogramm
© Public Domain
Larry Hurtado
weist ebenso nach, dass solche Monogramme, wie das christliche Monogramm(Chi-Roh), auch anderen Zwecken dienen konnten. Dassoll durch ein Übereinanderlegen (Ligatur) des griechischen X über das P für Christus stehen. In vorchristlichen Papyri der Römerzeit wurde das jedoch bereits als ein Abkürzungszeichen für verschiedene Wörter und Inschriften gebraucht, einschließlich der Form χρονος (Chronos = die Zeit oder Gott der Zeit). Ein Chi-Roh erscheint auch am Rand eines auf das erste Jahrhundert datierten Kommentartextes in Homers Iliad. Es dient hier als Zeichen für  χρηστον (chreston), um einen Abschnitt als „nützlich“ zu markieren.34

Der Vorgänger des Chi-Roh ist das Staurogramm, welches ebenso keinen christlichen Ursprung hat. Es ist das griechische Tau (T) über dem Roh (P): Staurogramm. Es befindet sich bereits auf einigen Münzen des König Herodes (37 bis 4 v.u.Z.). Das Zeichen soll diese Münzen mit dem dritten Jahr seiner Regierung identifizieren. Es wurde später von den Christen übernommen. Der früheste Gebrauch der Buchstaben Tau-Rho standen für die griechischen Worte „Kreuz“ und „kreuzigen“.35

Bodmer Papyrus75
Papyrus P75 mit dem Lukasevangelium, in dem das Staurogramm als Abkürzung für „Kreuz“ geschrieben steht.
© Public Domain
Das rechte Bild zeigt einen Ausschnitt eines der ältesten Papyrifunde des Neuen Testaments aus dem dritten Jahrhundert (Papyrus P75). Es sind Teile des Lukasevangeliums (9,23; 14,27; 23,26), wo stauros in abgekürzter Form geschrieben erscheint und in zwei dieser Fälle (9,23 und 14,27) wird das Staurogramm benutzt. Hier im Bild ist es Lukas 14,27.36 Das Symbol steht nicht frei als ein Hinweis auf Christus, sondern ist Teil einer Abkürzung für das griechische Wort „Kreuz“. Stauros (Kreuz) wurde wie folgt abgekürzt: σStaurogrammος. Es handelt sich um eine Kontraktion des Staurogramms: ein T (tau) über dem P (rho). Auch im Fragment des Johannesevangeliums aus dem dritten oder vierten Jahrhundert37 stehen die Worte stauros in abgekürzter Form als Tau und Rho als Monogramm.38


Zusammenfassend können wir sagen, dass diese ältesten Papyri aus dem 3./4. Jahrhundert die Nomina Sacra enthalten. Ob sie den Namen Jesus Christus bereits enthielten, ist äußerst fraglich. Es wurde bisher kein einziges Fragment aus dieser Zeit mit diesem Namen gefunden. Der Doppelname Jesus Christus scheint bis nach dem ersten Konzil von Nizäa 325 u.Z. unbekannt gewesen zu sein. Wurde auf diesem ersten Konzil auch der Name „Jesus Christus“ für den Gottessohn festgeschrieben? Es könnte ein weiterer erfolgreicher Schachzug Konstantins gewesen sein - eine Verschmelzung verschiedener Kulturen, Religionen und Mythen, wie im nachfolgenden Kapitel zum Namen „Jesus“ aufgezeigt wird.

 

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1 Michael Mitterauer, Ahnen und Heilige: Namengebung in der europäischen Geschichte, C.H. Beck, München, 1993, S. 97 Up

2 Jack Finegan, Encountering New Testament Manuscripts: A Working Introduction to Textual Criticism, W.B. Eerdman’s Publishing, Michigang, 1974, Reprint 1980, S. 15 u. 32-33 Up

3 Etwas später, ab dem dritten Jahrhundert, wurden Nomina sacra in christlichen Inschriften auch ganz normal abgekürzt, z.B. IH für die ersten beiden griechischen Buchstaben IHESUS oder XP (☧) für die ersten beiden Buchstaben von Christus. Im Lateinischen wurde daraus IHC. Up

4 Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts: Manuscripts and Christian Origins, Wm. B. Eerdmans Publishing, Michigan, 2006, S. 112 Up

5 Frank Leslie Cross/Elizabeth A. Livingstone (Hrsg.), The Oxford Dictionary of the Christian Church, Oxford University Press, New York, 2005, S. 662 Up

6 Im gnostischen Barnabasevangelium (9,7-8) und bei Clement von Alexandria (Strom. 6,278-89) wendet man so auch 1. Mose 14,14 an, indem man dort in der angegebenen Zahl 318 (hebräische Buchstaben TIH) einen Hinweis auf Jesus und das Kreuz sah: T (=300) ist sein Kreuz und IH (=18) ist sein Name. Up

7 Die Kabbala ist eine mystische Tradition Judentums, welche in auf mündliche Überlieferung beruht. Die schriftliche Überlieferung Kabbala enthält auch gnostische, neuplatonische und christliche Elemente. Up

8 Johann Maier, Die Kabbala: Einführung, klassische Texte, Erläuterungen, C.H. Beck, München, 1995, S. 34+47 Up

9 Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts: Manuscripts and Christian Origins, Wm. B. Eerdmans Publishing, Michigan, 2006, S. 115+120 Up

10 Ludwig Traube, der auch den Ausdruck „Nomina sacra“ prägte, ging Anfang des letzten Jahrhunderts davon aus, dass es eine Erfindung des hellenistischen Judentums war (siehe Ludwig Traube, Nomina sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, S. 30-31,91). Heute ist diese Annahme jedoch aufgrund zwischenzeitlicher weiterer Papyrifunde nicht mehr zutreffend; vgl. Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts: Manuscripts and Christian Origins, Wm. B. Eerdmans Publishing, Michigan, 2006, S. 95, der für ein Update von Traubes Ausarbeitung auf A.H.R.E. Paap, Nomina Sacra in the Greek Papyri of the First Five Centuries A.D., 1995 und José O’Callaghan, Nomina Sacra in Papyris Graecis Saeculi III Neotestamentariis, 1970, verweist. Up

11 In 3. Mose 24,16 ist die „Lästerung“ des Namens unter Todesstrafe verboten. In der ersten jüdisch-griechischen Übersetzung des Alten Testaments steht hingegen: Wer den Namen des Herrn „ausspricht“, soll getötet werden (siehe Robert J. Wilkinson, Tetragrammaton: Western Christians and the Hebrew Name of God: From the Beginning to the Seventeenth Century, Leiden-Boston, 2015, S. 76). Philo von Alexandrien (ca. 15/10 v.u.Z. bis 40 u.Z) kommentiert diese Bibelstelle wie folgt: „Wer aber gegen den Herrn von Menschen und Göttern, ich will nicht sagen ein beschimpfendes Wort spricht, sondern auch nur seinen Namen bei ungehöriger Gelegenheit auszusprechen wagt, der soll als Strafe den Tod erleiden.“ (Philo von Alexandrien, Über das Leben Mosis (De vita Mosis), Buch II, § 206, Leopold Cohn (Hrsg.), ins Deutsche übersetzt von Benno Badt,  Breslau 1909, S. 356). Up

12 Bernhard Bischoff, Paläografie des Altertums und des abendländischen Mittelalters, 4. Auflage, Erich Schmidt Verlag, Berlin, 2009, S. 195 Up

13 Die Septuaginta (auch LXX genannt) ist die erste griechische Übersetzung der Schriften des Alten Bundes, die ca. 250 v.u.Z. entstand und später mehrere Male überarbeitet wurde.  Die Septuaginta ist in ihrer Urgestalt eine rein jüdische Übersetzung. Die ältesten vollständig erhaltenen Handschriften der Septuaginta entstammen aus den ersten christlichen Jahrhunderten und sind christlich überarbeitet. Up

14 Ludwig Traube, Nomina Sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, S. 31 Up

15 Johannes Ev. Hafner, Selbstdefinition des Christentums – Ein systemtheoretischer Zugang zur frühchristlichen Ausgrenzung der Gnosis, Herder Verlag, Freiburg/Basel/Wien, 2002, S. 412 Up

16 Ludwig Traube, Nomina Sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, S. 33-34 Up

17 Ludwig Traube, Nomina Sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, S. 131 Up

18 Martin Karrer, Jesus Christus im Neuen Testament, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen, 1998, S. 150 Up

19 Der Ausdruck Homonym kommt aus dem Griechischen und bezeichnet ein und dasselbe Wort, das jedoch für verschiedene Begriffe steht. Hier z.B. die Namen Iesus Nave (Josua), Iesus Sirach, Iesus Eliezer, usw. Up

20 Ludwig Traube, Nomina Sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, S. 115 Up

21 Ebenda, S. 149 Up

22 In dem Papyrus P46 (P.Chester Beatty II, ca. 200) aus den Qumranfunden wird regelmäßig Iesus als ein Nomen sacrum geschrieben, wenn es sich um die Figur handelt, welche die Christen als „Herr“ und „Christ“ verehrten. Aber es stand immer dort voll ausgeschrieben, wenn es sich auf einen anderen Jesus bezieht, z.B. auf „Jesus, der Justus“ (Kolosser 4,11) oder auf „Jesus der Nave“ (für Josua in Hebräer 4,8). Genauso wird dort der Name voll ausgeschrieben in 2. Korinther 11,4, wo Paulus den Ausdruck „ein anderer Jesus“ benutzt. Aus: Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts: Manuscripts and Christian Origins, Wm. B. Eerdmans Publishing, Michigan, 2006, S. 129 Up

23 Wikipedia zu ‚Josua‘, https://de.wikipedia.org/wiki/Josua, abgerufen am 12.09.2018, Hervorhebung hinzugefügt. Up

24 Ludwig Traube, Nomina Sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, S. 6 Up

25 Ludwig Traube, Nomina Sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, S. 151 Up

26 Ludwig Traube, Nomina Sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, 283 Up

27 Ludwig Traube, Nomina Sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, S.285-286 Up

28 Ludwig Traube, Nomina Sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, S.158 Up

29 Nomina sacra im Thomasevangelium P.Oxy. 1, P.Oxy. 654, siehe Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts: Manuscripts and Christian Origins, Wm. B. Eerdmans Publishing, Michigan, 2006, S. 98 Up

30 Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts: Manuscripts and Christian Origins, Wm. B. Eerdmans Publishing, Michigan, 2006, S. 101 Up

31 Ebenda, S. 111 Up

32 Ludwig Traube, Nomina Sacra – Quellen und Untersuchungen zur lateinischen Philologie des Mittelalters, Band 2, C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München, 1907, S. 40 u. 46 Up

33 Tamara Mößner/Claudia Nauerth, Bildmagie und Fortwirken, in: Ägyptische Magie im Wandel der Zeit – Eine Ausstellung des Instituts für Papyrologie in Zusammenarbeit mit dem Institut für Ägyptologie der Universität Heidelberg, 2011, S. 28, www.uni-heidelberg.de/md/zaw/papy/forschung/broschu__re_a__gyptische_magie_final_bunt.pdf Up

34 Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts: Manuscripts and Christian Origins, Wm. B. Eerdmans Publishing, Michigan, 2006, S. 137 Up

35 Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts: Manuscripts and Christian Origins, Wm. B. Eerdmans Publishing, Michigan, 2006, S. 138+146+152 Up

36 https://de.wikipedia.org/wiki/Bodmer_Papyri Up

37 Bodmer II / Papyrus 66: Neuere Forschungen gehen vom 4. Jahrhundert aus.VON[Vgl. Timothy N. Mitchell, P. Bodmer II (P66), and the Staurogram, 11. Januar 2016, http://thetextualmechanic.blogspot.de/2016/01/p-bodmer-ii-p66-and-staurogram.html Up

38 Larry Hurtado, The Date of P66 (P. Bodmer II): Nongbri’s New Argument, 3. Juni 2014, https://larryhurtado.wordpress.com/2014/06/03/the-date-of-p66-p-bodmer-ii-nongbris-new-argument, abgerufen am 29.11.2017 Up


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